Ein Kaninchen auf einer Wiese

Die RHD (Rabbit Haemorrhagic Disease)

Seit 1980 ist eine Erkrankung bei Kaninchen bekannt, die RHD (Rabbit Haemorrhagic Disease) genannt wurde und durch ein Virus (das RHD-Virus - ein Calicivirus) verursacht wird. Unter Kaninchenhaltern ist die Erkrankung besser auch als „Chinaseuche“ bekannt, da das „klassische“ RHD-Virus erstmals in China nachgewiesen wurde.

Wo kommt RHD vor und welche Varianten gibt es?

Das RHD-Virus kommt schon seit Langem weltweit vor und wurde historisch v.a. durch den Handel mit Kaninchenfleisch verbreitet. In Australien wurden die Viren aber beispielsweise auch durch den Menschen bewusst eingeführt, mit der ursprünglichen Absicht, die Bestände an verwilderten Kaninchen, die mit europäischen Einwanderern auf den Kontinent kamen, zu dezimieren.

In Deutschland wurde die RHD erstmals 1988 nachgewiesen. Ein entsprechender Impfstoff war bald darauf verfügbar und ermöglichte den erfolgreichen Schutz geimpfter Kaninchen-Bestände vor der Erkrankung. Im Jahr 2010 trat unerwartet in Frankreich, später auch auf der Iberischen Halbinsel und in Italien, eine neue Virusvariante in Erscheinung, die trotz Impfung eine hohe Todesrate bis zu 50% bei infizierten Tieren verursachte. Diese neue, als RHDV-2 bezeichnete Virusvariante wurde in 2013 erstmals auch in Deutschland nachgewiesen. Neben den bereits genannten Ländern gibt es RHDV-2-Fälle innerhalb Europas auch im Vereinigten Königreich, Dänemark, Schweden, Polen, der Schweiz und in den Niederlanden. RHDV-2 hat in seinem Verbreitungsgebiet nach seinem erstmaligen Auftreten die „klassischen“ RHDV-Stämme so gut wie vollständig verdrängt. Mit Hilfe von Impfstoffen lassen sich jedoch auch die Infektionen mit RHDV-2 kontrollieren. Allerdings bestehen für RHDV-2 Stämme die Besonderheiten, dass auch Feldhasen für die Infektion empfänglich sind, die dann zusätzlich zur Virusausbreitung beitragen. Außerdem erkranken an RHDV-2 auch Jungtiere unter 4-6 Wochen schwer, welche typischerweise von der klassischen hämorrhagischen Krankheit der Kaninchen nicht betroffen sind (Nestlingsimmunität). Die jüngste bekannte Stufe der RHD-Virusevolution stellt ein 2019 in Frankreich und Belgien beobachteter, besonders aggressiver („hypervirulenter“) RHDV-2-Stamm dar, der zu überdurchschnittlichen Verlusten in Mast- und Zuchtbetrieben führt, da dieser auch bei korrekt gegen RHDV-2 geimpften Tieren die hämorrhagische Krankheit der Kaninchen auslösen kann. In Deutschland wurden diese Varianten bislang glücklicherweise noch nicht beobachtet.

Wie äußert sich die Erkrankung und wie wird das RHD-Virus übertragen?

Der typische Krankheitsverlauf unterscheidet sich zwischen den verschiedenen oben beschriebenen Virusvarianten üblicherweise nicht. In der Regel entwickelt sich die Erkrankung äußerst schnell (perakuter Krankheitsverlauf). „Gestern noch völlig gesund und unauffällig und am nächsten Morgen plötzlich tot“. Das sind die typischen Vorberichte, die der Veterinärpathologe von Kaninchenhaltern zu hören bekommt. Können noch Symptome beobachtet werden, kommt es sehr plötzlich zu hohem Fieber, Apathie, Futterverweigerung und in ca. 10-20 % der Fälle zu blutigem Nasenausfluss. Ursache ist eine allgemeine (generalisierte) Gerinnungsstörung, die durch eine Leberentzündung (nekrotisierende Hepatitis) bedingt ist. Des Weiteren können infizierte Kaninchen durch Störungen der Atemwege und des Nervensystems auffallen. In der Regel führt die Erkrankung bereits nach 12-36 Stunden zum Tod des betroffenen Tieres. Langandauernde (chronische) Krankheitsverläufe sind äußerst selten.

Die Übertragung des für den Menschen ungefährlichen RHD-Virus auf nicht infizierte Tiere erfolgt in erster Linie durch den direkten Kontakt mit infizierten Tieren. Jedoch ist auch indirekt über Personen, Futter, Gerätschaften und auch Insekten eine Virusübertragung per Schmierinfektion möglich. Da es sich bei dem Erreger um ein unbehülltes Virus handelt, ist dieses sehr widerstandsfähig gegenüber Umwelteinflüssen und überlebt daher auch außerhalb eines infizierten Wirtsorganismus sehr lange. Kadaver, die bei niedrigen Temperaturen gelagert werden, sind beispielsweise über bis zu 7 Monate mögliche Quellen einer Ansteckung. Aber auch in Sekreten und Ausscheidungen erkrankter Tiere bleibt das Virus über längere Zeit infektiös und kann so auf Oberflächen überdauern und die oben genannten Schmierinfektionen auslösen. Es wird diskutiert, dass an der Virusverbreitung auch sogenannte symptomlose Dauerausscheider beteiligt sein könnten, die das Virus wiederkehrend ausscheiden und damit weiterverbreiten, ohne selbst Krankheitssymptome zu zeigen.

Wie wird die hämorrhagische Krankheit der Kaninchen nachgewiesen?

In der Veterinärabteilung des LHL kann die Erkrankung nachgewiesen werden. Bei verstorbenen Tieren ergeben sich durch die im Fachgebiet Pathologie durchgeführte Obduktion und die typischen Organveränderungen meist bereits eindeutige Hinweise auf die Erkrankung. Auffälligstes Merkmal ist dabei die untypisch gefärbte, brüchige Leber. Eine Schwellung der Milz und kleinere innere Blutungen können dazu kommen. Das Fachgebiet Virologie führt zusätzlich einen Erregergenomnachweis mittels Polymerase Kettenreaktion (Realtime-PCR, RT-PCR) durch. Hierbei lassen sich auch die beiden in Frage kommenden RHD-Virusvarianten (RHDV/RHDV-2) unterscheiden.

Am lebenden Tier (z. B. um Dauerausscheider zu identifizieren) gestaltet sich die Diagnose schwieriger. Infizierte, aber nicht erkrankte Kaninchen scheiden das Virus nur unregelmäßig aus, so dass ein negativer Genomnachweis mittels RT-PCR nicht zwangsläufig bedeutet, dass das Tier kein RHDV in sich trägt. Bei ungeimpften Tieren können hier Untersuchungen auf Antikörper weiterhelfen, diese werden jedoch am LHL nicht durchgeführt. Dabei ist jedoch zu beachten, dass die meisten Tests nicht zwischen Antikörpern gegen das klassische RHDV und RHDV-2 unterscheiden können. Bei geimpften Tieren deutet ein Anstieg der Antikörperkonzentration in zwei zeitlich getrennten Proben auf eine Infektion hin.

Wie kann ich mein Tier vor RHD schützen?

Die wichtigste Maßnahme, um Kaninchen vor der RHD zu schützen, besteht in der Impfung gegen beide Virusvarianten, da Antikörper gegen das klassische RHDV nicht vor RHDV-2 schützen. Aktuelle Empfehlungen gibt die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin am FLI (StIKo VetÖffnet sich in einem neuen Fenster). Für die Vakzinierung stehen verschiedene Impfstoffe zur Verfügung, welche entweder nur gegen einen der beiden Erreger, oder sowohl gegen das klassische RHDV als auch gegen RHDV-2 immunisieren. Außerdem ist ein Kombinationsimpfstoff vorhanden, welcher zusätzlich zu beiden RHD-Varianten noch Schutz vor einer weiteren wichtigen Kaninchenkrankheit, der Myxomatose, vermittelt. Auch gegen diese Erkrankung sollten Kaninchen geimpft werden. Gegen RHDV-2 sollten Jungtiere möglichst frühzeitig geimpft werden, je nach verwendetem Impfstoff bietet sich hier ein Alter zwischen 4 und 10 Wochen für die Erstimpfung an. Wiederholungsimpfungen sollten jährlich, in einigen Fällen auch halbjährlich, erfolgen.

Wie oben beschrieben haben Infektionen mit hypervirulenten RHDV-2-Varianten in kommerziellen Kaninchenhaltungen in Frankreich und Belgien auch zu starken Verlusten bei korrekt geimpften Tieren geführt. Daher wurde in Frankreich ein modifizierter Impfstoff zugelassen, welcher in großen Mast- und Zuchtbetrieben eingesetzt werden kann. Bei Kleinsthaltungen ist davon auszugehen, dass die Tiere auch nach Immunisierung mit den herkömmlichen Impfstoffen geschützt sind, gegebenenfalls sollte das Intervall zwischen den Impfungen auf ein halbes Jahr verkürzt werden. Im Falle des Auftretens hypervirulenter Stämme in Großhaltungen in Deutschland kann das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) Ausnahmegenehmigungen zum Einsatz des französischen Impfstoffes erteilen.

Um das Infektionsrisiko zu minimieren, sollte der Kontakt von Haustieren zu Wildkaninchen und Feldhasen vermieden werden. Des Weiteren sollte auf das Verfüttern von Grünfutter von Wiesen mit Wildkaninchen-/Feldhasenvorkommen verzichtet werden.

Was ist nach einem RHD-Ausbruch zu beachten?

Da es sich bei RHDV um ein unbehülltes, sehr widerstandsfähiges Virus handelt, ist nach einem Ausbruch der Erkrankung eine gründliche Reinigung und Desinfektion aller Haltungseinrichtungen und Gegenstände, welche Kontakt mit infizierten Tieren und deren Ausscheidungen hatten, unbedingt notwendig. Hierfür sollte ein für unbehüllte Viren zugelassenes Desinfektionsmittel verwendet und auf eine ausreichende Einwirkzeit geachtet werden. Im Internetauftritt der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft (DVG) ist eine Liste geeigneter Präparate zu finden (Desinfektionsmittel DVGÖffnet sich in einem neuen Fenster). Für Gegenstände, die für eine Desinfektion schlecht geeignet sind (raue Oberflächen, saugfähige Materialien), ist ein kompletter Austausch in Betracht zu ziehen. In Außenbereichen, wo eine Reinigung und Desinfektion nicht möglich ist, sollte das Gras durch regelmäßiges Mähen kurzgehalten werden. Außerdem sollten diese für mehrere Wochen leer stehen.

Wie Untersuchungen gezeigt haben, scheiden Kaninchen, welche einen RHD-Ausbruch überlebt haben, noch bis zu 8 Wochen infektiöse Viren aus, der Genomnachweis mittels PCR gelingt sogar bis zu 15 Wochen. Daher ist dringend angeraten, mit dem Einstallen neuer Tiere bis ca. 3 Monate nach Desinfektion der betroffenen Haltungseinrichtung abzuwarten. Außerdem ist es ratsam, neu zugekaufte Tiere gegen RHD zu impfen und erst ca. 1 Woche, nachdem der volle Impfschutz erreicht ist, in Kontakt mit überlebenden Kaninchen zu bringen.

RHD-Nachweise am LHL

Seit 2015 werden Proben von erkrankten/verstorbenen Wild- und Haustieren am LHL nicht nur pathologisch, sondern auch molekularbiologisch mittels RT-PCR auf RHDV untersucht. Zwei verschiedene PCR-Untersuchungen erlauben dabei die Differenzierung zwischen dem klassischen RHDV und RHDV-2, wobei Proben von Kaninchen generell auf beide Varianten untersucht werden, Proben von Hasen hingegen nur auf RHDV-2, da diese für die klassische Variante nicht empfänglich sind.

RT-PCR Untersuchungen zum Nachweis von klassischem RHDV und RHDV-2 an Proben von Haus-, Nutz- und Zootieren am LHL in den Jahren 2015-2023. Kontakt: vetabt@lhl.hessen.de
Abb. 1: RT-PCR Untersuchungen zum Nachweis von klassischem RHDV und RHDV-2 an Proben von Haus-, Nutz- und Zootieren am LHL in den Jahren 2015-2023.

Abbildung 1 zeigt die mittels RT-PCR auf RHDV/RHDV-2 am LHL untersuchten Proben von Haus-, Nutz- und Zootieren über die Jahre 2015-2023. Die absoluten Untersuchungszahlen sind in Tabelle 1 dargestellt. Da der Großteil des Untersuchungsgutes von Kaninchen stammt, entspricht die Anzahl der Untersuchungen auf das klassische RHDV in etwa der Anzahl an Untersuchungen auf RHDV-2. Dabei fällt auf, dass RHDV nur in sehr wenigen Fällen nachgewiesen werden konnte (je ein positiver Fall im Jahr 2016, 2021 und 2022), wogegen der Nachweis der neuen Variante RHDV-2 in ungefähr der Hälfte der Untersuchungen positiv ausfiel. Deutlich abweichende Ergebnisse wurden nur in den Jahren 2015 und 2022 erzielt (2015: 2 Proben positiv und keine negativ für RHDV-2; 2022: 11 Proben positiv und 36 negativ für RHDV-2).

Tab. 1: Untersuchungsergebnisse der RT-PCR Untersuchungen auf RHDV und RHDV-2 bei Haus-, Nutz- und Zootieren am LHL in den Jahren 2015-2023.

Tab. 1: Untersuchungsergebnisse der RT-PCR Untersuchungen auf RHDV und RHDV-2 bei Haus-, Nutz- und Zootieren am LHL in den Jahren 2015-2023. Kontakt: vetabt@lhl.hessen.de

Bei Wildtieren überwiegt die Anzahl der auf RHDV-2 untersuchten Proben deutlich die der Untersuchungen auf das klassische RHDV, da das untersuchte Material größtenteils von Feldhasen stammt (Abb. 2). Nur bei verendeten Wildkaninchen wurden beide RT-PCR-Untersuchungen zum Nachweis der unterschiedlichen Varianten durchgeführt.

RT-PCR Untersuchungen zum Nachweis von klassischem RHDV und RHDV-2 an Proben von Wildtieren am LHL in den Jahren 2015-2023. Kontakt: vetabt@lhl.hessen.de
Abb. 2: RT-PCR Untersuchungen zum Nachweis von klassischem RHDV und RHDV-2 an Proben von Wildtieren am LHL in den Jahren 2015-2023.

In keiner der von Wildtieren stammenden Proben konnte das klassische RHDV gefunden werden. RHDV-2 dagegen wurde über die Jahre 2015-2023 konsequent nachgewiesen, allerdings überwiegt hier der Anteil der negativen Proben deutlicher als bei gehaltenen Tieren (rund ein Zehntel bis ein Drittel der Proben reagierten positiv, Tab. 2). Ein Faktor hierfür ist, dass wilde Hasenartige, die schwere, RHD-ähnliche Krankheitszeichen zeigen, häufig an Tularämie anstelle von RHDV erkrankt sind und somit zwar RHD-verdächtig erscheinen, aber in der Untersuchung als negativ diagnostiziert werden. Als Differentialdiagnose zu RHDV-2 beim Feld- und Schneehasen kommt außerdem das European Brown Hare Syndrom (EBHS) in Betracht. Dieses wird durch ein dem RHDV nahe verwandtes Virus (EBHS-Virus) ausgelöst und verursacht der Chinaseuche ähnliche Symptome. Gefallene Feldhasen werden daher am LHL mittels PCR auf beide Caliciviren untersucht. Nachdem die letzten Nachweise von EBHSV bei verendeten Feldhasen einige Jahre zurücklagen (2016, 2019 und 2020), wird seit Oktober 2023 eine auffällige Häufung von EBHSV positiven Tieren (5 positive Nachweise im Oktober 2023, 3 im November und 2 im Dezember) verzeichnet. Betroffen sind hiervon vor allem die südhessischen Landkreise Groß-Gerau und Bergstraße, der Odenwaldkreis sowie die Stadt Wiesbaden. Auch im Landkreis Gießen, dem Wetterau- sowie Hochtaunus-Kreis wurde vereinzelt EBHSV nachgewiesen. Die weitere Entwicklung der Lage bleibt abzuwarten.

Tab. 2: Untersuchungsergebnisse der RT-PCR Untersuchungen auf RHDV und RHDV-2 bei Wildtieren am LHL in den Jahren 2015-2023.

Untersuchungsergebnisse der RT-PCR Untersuchungen auf RHDV und RHDV-2 bei Wildtieren am LHL in den Jahren 2015-2023. Kontakt: vetabt@lhl.hessen.de

Abbildung 3 zeigt die geographische Verteilung der RHDV-2 Nachweise bei wildlebenden Feldhasen und Kaninchen in Hessen in den Jahren 2015 bis 2023. Die positiven Proben konzentrieren sich dabei vor allem auf das östliche Mittelhessen (Landkreise Lahn-Dill, Gießen, Limburg-Weilburg), Teile Südhessens (LK Main-Kinzig, Stadt und LK Offenbach), sowie Nordhessen (LK Kassel und Schwalm-Eder-Kreis). Auch im Werra-Meißner-Kreis, den Landkreisen Hersfeld-Rotenburg und Fulda, dem Hochtaunus-Kreis, dem Rheingau-Taunus-Kreis und der Stadt Wiesbaden konnte in den letzten Jahren vereinzelt RHDV-2 bei Wildtieren bestätigt werden. Zu berücksichtigen ist hierbei jedoch, dass die Verteilung der positiven Nachweise stark von der Anzahl der eingesandten Proben je Region abhängt. Ein nicht unbedeutender Anteil des Untersuchungsgutes stammt allerdings auch aus Landkreisen Süd- und Mittelhessens, in denen bisher noch kein RHDV-2 bestätigt werden konnte, wie beispielsweise dem Wetteraukreis oder den Landkreisen Bergstraße und Groß-Gerau.

Geographische Verteilung von RHDV-2 Nachweisen bei Wildtieren in Hessen über die Jahre 2015-2023 Kontakt: vetabt@lhl.hessen.de
Abb. 3: Geographische Verteilung von RHDV-2 Nachweisen bei Wildtieren in Hessen über die Jahre 2015-2023 (blau=2015-2020; grün=2021; gelb=2022; rot=2023).

Stand Februar 2024