Blauzungenkrankheit in Deutschland – auch hessische Landkreise im Sperrgebiet

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Rind wird gegen Blauzungenkrankheit geimpft

Am 12. Dezember 2018 wurde in einem Rinderhaltungsbetrieb im Kreis Rastatt (Baden-Württemberg)  ein Ausbruch der Blauzungenkrankheit (Bluetongue BT) amtlich festgestellt. Damit ist diese anzeigepflichtige Tierseuche erstmals seit 2009 wieder in Deutschland aufgetreten. Es handelt sich dabei um eine Viruserkrankung der Wiederkäuer und Kameliden, die durch stechende Insekten - sogenannte Vektoren - übertragen wird. Das Virus wird ausschließlich von blutsaugenden Arthropoden, insbesondere Culicoides spp. („Gnitzen“), weitergegeben. Die Inzidenz, d. h. das Auftreten, der Blauzungenkrankheit hängt eng mit dem Auftreten dieser Insekten zusammen.

Im Januar 2019 teilte das Landesuntersuchungsamt (LUA) Koblenz einen Ausbruch der Blauzungenkrankheit vom Serotyp 8 (BTV-8) in einem Rinderbestand im Landkreis Trier-Saarburg mit. Dieser durch das Nationale Referenzlabor am Friedrich-Loeffler-Institut bestätigte Ausbruch ist der erste dieser anzeigepflichtigen Tierseuche im Rheinland Pfalz seit Mai 2009. Das gesamte Bundesland muss nun zum Restriktionsgebiet erklärt werden, mit der Folge, dass Einschränkungen für den Handel mit Tieren bestehen. Das seit Dezember 2018 nach dem Ausbruch der Seuche im Baden-Württemberg (siehe oben) bestehende Restriktionsgebiet muss nun ausgeweitet. Von dieser Maßnahme sind auch weitere Landkreise der Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Hessen betroffen.

Mitte Januar 2019 meldete auch das Saarland einen Ausbruch der Blauzungenkrankheit. Nachgewiesen wurde der Erreger bei einem Kalb auf einem Rinder haltenden Betrieb im Saarpfalz-Kreis. Mittlerweile sind in den von der Tierseuche betroffenen Bundesländern Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg weitere Fälle der Erkrankung aufgetreten. Bis zum 29.01.2019 meldet Baden-Württemberg 29 Fälle, Rheinland-Pfalz sechs. Der bisher nördlichste Fall (Bad Kreuznach) wurde am 25.01.2019 vom Referenzlabor am Friedrich-Loeffler-Institut bestätigt. Der Rhein und damit die Grenze zum hessischen Landesgebiet sind nun noch 10km entfernt. In der Folge müssen die im Tierseuchenrecht vorgegebenen Sperrgebiete, auch in Hessen, ständig angepasst werden (siehe aktuelle Karte des Sperrgebietes Hessen unter "Downloads").

Für den Menschen ist die Krankheit vollkommen ungefährlich, so dass Fleisch- und Milchprodukte ohne Bedenken verzehrt werden können.

Was ist die Ursache der Blauzungenkrankheit?

Der Erreger der Erkrankung ist das Blauzungenvirus – Bluetongue-Virus (BTV) - ein zur Gattung der Orbiviren in der Familie der Reoviridae gehörendes RNS-Virus. Bisher kennt man 24 verschiedene Serotypen. Ursprünglich kommt das Virus im südlichen Afrika vor. Erst seit 1998 findet man den Erreger auch auf dem europäischen Kontinent.

Wo kommt die Erkrankung in Europa noch vor?

Höchstwahrscheinlich ausgehend vom Grenzgebiet zwischen Belgien, Niederlanden und Deutschland kam es erstmals zwischen 2006 und 2009 zu einer BTV 8-Epidemie. Nach erfolgreicher Bekämpfung dieses Ausbruchs mit einer flächendeckenden, verpflichtenden Impfung war Deutschland seit 2009 offiziell wieder frei von der Tierseuche.

Seit 2015 verursachte der aktuell nun in Baden-Württemberg nachgewiesene Serotyp 8 in Frankreich zahlreiche Ausbrüche. Im vergangenen Jahr wurden dort über 1.500 Fälle gemeldet. Das Virus wurde meist im Zusammenhang mit Handelsuntersuchungen nachgewiesen. Fast immer war der klinische Verlauf bei den Rindern deutlich milder als bei dem Geschehen 2006. Auch Antikörperbildungen ohne Krankheitserscheinungen wurden beobachtet. Seit Ende 2017 wurden auf dem französischen Festland auch Krankheitsfälle vom Typ BTV 4 festgestellt. Diese Infektionen werden gewöhnlich auf Korsika nachgewiesen. Aus Spanien, Portugal und Zypern wurden ebenfalls vereinzelte BTV 4- Krankheitsfälle gemeldet. In 2018 wurde im gesamten Landesgebiet der Schweiz, überwiegend bei Rindern, von BTV 8 Ausbrüchen berichtet. Auch hier  zeigten die betroffenen Tiere keine bzw. nur milde Krankheitssymptome.

Der erste Fall von BTV-3 in Europa überhaupt wurde auf Sizilien bei einem Schaf festgestellt. Es folgten ebenfalls Erstfälle mit diesem Serotyp bei Schafen und Ziegen auf Sardinien. Zudem wurden vereinzelte Krankheitsausbrüche von BTV 4 und BTV 1 sowohl auf Sardinien und Sizilien als auch auf dem italienischen Festland angezeigt. Griechenland meldete aktuell einige wenige Fälle von BTV 16.

Wie äußert sich die Erkrankung?

Die schwere der Virusinfektion differiert abhängig vom Serotyp. Weiterhin erkranken in der Regel Schafe schwerer als Rinder und Ziegen. Die ersten Symptome sind ein gestörtes Allgemeinbefinden, eine ausgeprägte Hyperämie der Schleimhäute, Klauenrehe mit entzündlichem Kronsaum, ggf. Atemnot und in seltenen Fällen Sauerstoffdefizit in verschiedenen Geweben, z.B. der Zunge (Blauzunge) und vorübergehende Infertilität, vor allem bei Schafböcken. Neben Erkrankungen mit klinischer Symptomatik sind auch inapparente Verläufe (Antikörperbildungen ohne Krankheitserscheinungen) möglich.

Welche Nachweismöglichkeiten gibt es?

Der Virusnachweis wird in der Regel mit molekularer Diagnostik in Form der Polymerase-Kettenreaktion für RNA-Viren (RT-PCR) durchgeführt. Mit diesem Verfahren wird in einem vorgeschalteten Suchtest, der alle Serotypen des Blauzungenvirus erfasst, zunächst der klinische Verdacht überprüft. Geeignete Untersuchungsmaterialien sind bei lebenden Tieren EDTA-Blut bzw. bei toten Tieren, die zur Sektion eingesandt wurden, auch das Organmaterial. Mit der RT-PCR ist der Erreger im Blut infizierter Schafe bis zu 100 Tage nach der Infektion nachweisbar, beim Rind bis zu 240 Tage.

Für den Antikörpernachweis gibt es kommerzielle, leistungsfähige ELISA-Tests, die Antikörper, ebenfalls  gegen die wichtigsten Serotypen, sicher nachweisen. Allerdings ist eine Unterscheidung zwischen Antikörpern gegen Feldvirusinfektionen und Antikörpern nach Impfungen mit den ELISA-Tests nicht möglich. In der Abteilung Veterinärmedizin des Landesbetriebs Hessisches Landeslabors (LHL) werden beide Testverfahren (ELISA, RT-PCR) routinemäßig durchgeführt. Jedes Jahr in der Wintersaison wird in der Veterinärabteilung des LHL ein BTV Monitoring bei Rindern und Schafen durchgeführt. Zusätzlich werden auch Wildwiederkäuer auf Blauzungenvirus- Antikörper untersucht. Im Falle eines positiven Testergebnisses werden die betreffenden Proben mit der RT-PCR nachuntersucht um den Erreger nachzuweisen.

Obwohl immer wieder positiver Reagenten im Antikörper-Nachweis gefunden wurden – entweder Tiere, die geimpft wurden, oder persistierende Antikörper nach überstandener natürlicher Infektion - waren alle Reagenten in der anschließend durchgeführten RT-PCR eindeutig negativ. Eine floride Infektion mit dem Blauzungenvirus konnte daher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bei den von uns untersuchten Tieren ausgeschlossen werden. Alle die Tierart „Rind“ betreffenden Untersuchungsdaten werden auch an die Hit-Datenbank übermittelt.

In 2017 wurde aufgrund des akuten Infektionsgeschehens in Frankreich zusätzlich ein verstärktes Monitoring von Tieren aus der Rheinebene durchgeführt. Akute BTV-Infektionen in Form von positiven RT-PCR Reaktionen konnten auch bei diesen zusätzlichen Untersuchungen ausgeschlossen werden.

Wie hoch ist der Stellenwert einer Impfung?

Die Impfung gegen die Blauzungenkrankheit vermittelt einen relativ sicheren Schutz. Sie ist weitestgehend gut verträglich und somit praktisch frei von Nebenwirkungen. Um eine effiziente Bekämpfung der Erkrankung bzw. Krankheitsprophylaxe zu erreichen, ist eine flächendeckende Impfung unumgänglich. Da sich die Risikoeinschätzung bewahrheitet hat, dass das BTV nach Deutschland gelangt, sollten Landwirte der Empfehlung der ständigen Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet) am Friedrich-Löffler-Institut möglichst nachkommen und empfängliche Wiederkäuer gegen BTV-4 und -8 impfen. Diese Empfehlung zur Impfung wurde kürzlich in der "Leitlinie zur Impfung von Rindern und kleinen Wiederkäuern" der StIKo Vet nochmals aktualisiert.

Auch das Hessische Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz empfiehlt aufgrund der aktuellen Situation in Hessen eine landesweite, zeitnahe Impfung der Rinder-, Schaf- und Ziegenbestände, wobei insbesondere die im aktuellen Restriktionsgebiet liegenden Landkreise berücksichtigt werden sollten.

Stand: 30. Januar 2019