Urinprodukte als Lockstoffe im Jägereibedarfshandel

Infektionsgefahr für Tierbestände und den Menschen

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Hirsche
Hirsche

Tierischer Urin, der bei der Jagd als Lockmittel eingesetzt wird, birgt Infektionsgefahren. Als mögliche Infektionsquelle wird ein über das Internet vertriebener Hirschurin genannt, der von Jägern zum Zweck des „Legens von Spuren“ eingesetzt wurde. Wenn dieses Produkt aus USA oder Kanada stammt, besteht ein hohes Risiko eines Erregereintrages in europäische Tierbestände.

Die CWD (Chronic Wasting Disease; zu Deutsch: Chronische Auszehrungskrankheit) kommt bei Hirschen vor und zählt zu den spongiformen Enzephalopathien. Diese infektiöse Erkrankung betrifft das zentrale Nervensystem und ähnelt in ihrem Krankheitsbild der Bovinen spongiformen Enzephalopathie (BSE) des Rindes und der Creutzfeldt-Jakob Krankheit beim Menschen. Die infektionsfähigen Prionen werden von erkrankten Tieren mit Speichel und Urin ausgeschieden. Durch ihre außerordentliche Stabilität gegenüber Umwelteinflüssen behalten die Erreger über Jahre im Boden ihre Infektionsfähigkeit. In den letzten Jahrzehnten konnte eine Verbreitung über den gesamten nordamerikanischen Kontinent beobachtet werden. Aktuell wird von Fällen in 20 US-amerikanischen Bundesstaaten und zwei kanadischen Provinzen berichtet.

Dokumentiert durch ein EU-weit durchgeführtes Überwachungsprogramm in den Jahren 2007-2009 wurden in Europa 13.000 Proben von Wildwiederkäuern mit negativem Ergebnis auf CWD untersucht. Nunmehr sind allerdings auch erste Krankheitsfälle in Europa aufgetreten. In Norwegen konnte die Erkrankung bei einem wilden Rentier festgestellt werden. Zwei weitere Fälle traten in der Folge bei Elchen, ebenfalls in Norwegen, auf. Die weitergehende Erreger-Typisierung ergab die vollständige Übereinstimmung der ersten europäischen Isolate mit einem bereits in Kanada bekannten CWD-Erreger.

Im Rahmen der Einfuhrkontrolle am Flughafen Frankfurt wurde von der Tierärztlichen Grenzkontrollstelle des Landesbetriebes Hessisches Landeslabor (LHL) eine Sendung Schweineurin in Flaschen und Spraydosen aus den USA entdeckt. Die Ware war für einen Händler in Deutschland bestimmt, der Jägereibedarf anbietet. Die Sendung wurde über das Internet bestellt, befand sich in Endverbraucher-Verpackungen und war dazu bestimmt, als Lockstoff für männliche Wildschweine in die Natur ausgebracht zu werden. Beschrieben war die Ware als „100% natural sow urine“. Laut Herstellerangaben auf den Etiketten wurde der Urin von Schweinen nach der Gewinnung lediglich gefiltert und keiner weiteren hygienisierenden Behandlung unterzogen. Auch Zusatzstoffe, Chemikalien und Konservierungsstoffe wurden nicht hinzugefügt.

Die Ware wurde in der Abteilung Veterinärmedizin des LHL einer mikrobiologischen Untersuchung unterzogen. Mittels Polymerase Kettenreaktion (PCR) konnten Gensequenzen des Aujeszky-Virus, dem Erreger einer anzeigepflichtigen Tierseuche beim Schwein sowie einer als Zoonoseerreger bekannten Bakterienart (Leptospiren) nachgewiesen werden.
Da derartige Produkte als Jägereibedarf im Internet angeboten werden, liegt die Vermutung nahe, dass sie auch im Rahmen des Postverkehrs illegal nach Deutschland kommen. Es wird daher eindringlich darauf hingewiesen, dass von solchen Produkten ein nicht unerhebliches Risiko für unsere Tierbestände, aber auch für den Menschen ausgeht. Die Einfuhr von unbehandeltem Urin als tierisches Nebenprodukt in die EU ist verboten.

Stand: Juli 2016