Sektionsbefund - Giraffe „Hatari“

Am 12.05.19 ist im Frankfurter Zoo die Netzgiraffe „Hatari“ unerwartet verstorben. Der 20-jährige Bulle wurde morgens liegend in der Anlage aufgefunden und konnte nicht mehr aus eigener Kraft aufstehen. Sämtliche Rettungsversuche schlugen fehl. Zur Abklärung der Erkrankungs- und Todesursache wurde das Tier zur pathologischen Untersuchung nach Gießen gebracht.

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Giraffe "Hatari" im Frankfurter Zoo
Netzgiraffe "Hatari"

Die vorläufigen Untersuchungen einer Fachtierärztin für Pathologie ergaben bisher Folgendes:

Das Festliegen der Giraffe ist durch ältere Veränderungen vor allem an den großen Gelenken der Gliedmaßen (Arthropathien) erklärbar. Im vorliegenden Fall sind altersbedingte Abnutzungen wahrscheinlich, Fehlstellungen und genetisch bedingte Veränderungen kommen unter anderem ursächlich ebenso in Betracht. Das Vorliegen einer zusätzlichen akuten Degeneration der Muskulatur (Capture Myopathy) und einer akuten bakteriellen Infektion des Tieres können zum derzeitigen Untersuchungszeitpunkt weiterhin nicht ausgeschlossen werden.

Als Todesursache der Giraffe liegt ein akutes Herz-/Kreislaufversagen wahrscheinlich aufgrund eines Schockgeschehens nahe. Dieses ist durch die besondere Anatomie und Physiologie des Herz-/Kreislaufsystems von Giraffen erklärbar: Normalerweise stellt ein physiologisch sehr hoher Blutdruck die gleichmäßige Blutversorgung über mehrere Meter von Kopf bis Fuß sicher. Nach längerem Festliegen kann eine notwendige Aufrichtungshilfe des Tieres eine plötzliche Umverteilung des Blutstroms verschärfen, somit zu einer mangelhaften Durchblutung lebenswichtiger Organe und zum finalen Kollaps führen. Vorgeschädigte Organe begünstigen einen derartigen akuten Verlauf.

Update 11.06.2019:

Die Ursache warum der Giraffenbulle fortgeschrittenen Alters nicht mehr aufstehen konnte ist geklärt: Eine zerstörte Bandscheibe mit Quetschung des anliegenden Rückenmarks

Bei „Hataris“ Sektion wurde eine Bandscheiben-Ruptur zwischen dem 4. und 5. Lendenwirbel mit Quetschung des darüber liegenden Rückenmarks und Blutungen im Wirbelkanal festgestellt.

Bandscheiben-Degenerationen sind vor allem bei Mensch und Hund, weniger bei anderen Tierarten (wie Katze, Pferd, Schwein) bedeutend. Sogenannte „Bandscheibenvorfälle“ geschehen dann oft an Stellen mit großer Wirbelbeweglichkeit, meist durch die schwächste (obere) Stelle des Rings. Bei schwerer Bandscheibenzerstörung kann es zum massiven Ausstoß des degenerierten Kerns durch den Ring und die Bänder bis ins Rückenmark kommen. Unter Umständen führt dies zu Blutungen im Wirbelkanal und schweren Schädigungen des Nervengewebes.

Die plötzliche Rückenmark-Quetschung (evtl. mit Nerven-Kompression) führt dann zu akutem Schmerz mit Lähmung aller (Paralyse) oder einzelner (Parese) Gliedmaßen. Ähnliches war im Fall der 910 kg schweren, 20 jährigen Giraffe „Hatari“ zu beobachten, als diese am Sonntagmorgen, mit einem Hinterbein unterhalb ihres Körpers liegend, nicht mehr in der Lage war sich aufzurichten

Ob die Befunde alleine auf altersbedingte, durch Verschleiß (degenerativ) hervorgerufene Veränderungen der Bandscheiben zurückzuführen sind, oder ob zusätzliche traumatische Faktoren eine Rolle spielten, bleibt offen. Möglicherweise wurde die Ruptur der evtl. vorgeschädigten Bandscheibe durch Eigenbewegung der Giraffe oder andere äußere Faktoren begünstigt.

Aufgrund der Ergebnisse der feingeweblichen (histologischen) Untersuchungen ist anzunehmen, dass die Verletzungen im Bereich der Lendenwirbelsäule bereits einige Zeit (mehrere Stunden) vor dem Aufrichtungsversuch und dem nachfolgenden schockbedingten Kreislaufversagen vorlagen.