Tuberkulose-Erreger bei einem Rothirsch aus Hessen nachgewiesen

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Rothirsch

Im September 2017 wurde der Veterinärabteilung des Landesbetriebs Hessisches Landeslabor (LHL) ein erlegter, mehrjähriger männlicher Rothirsch zur Untersuchung überstellt. Auffällig waren ungewöhnliche, wie anhaftendes Sägemehl aussehende Auflagerungen auf der Innenseite des Brustkorbes (vgl. Abb. 1). Die Veränderung des Rippenfells war von einer schleimigen Substanz umgeben.

Brustwand Rothirsch
Abb. 1: Übersichtsaufnahme der Probe aus der Brustwand eines Rothirschs (oben) sowie Detailaufnahme der grauen Zubildungen (unten).

Untersuchungsergebnisse

Die feingewebliche Untersuchung ergab zunächst, dass es sich um eine Entzündung (Granulom mit Fibrin) und nicht etwa um einen Tumor handelte. Mit weiterführenden Untersuchungen wurde eine bakterielle Infektion als Ursache der Erkrankung festgestellt. Mikroskopisch erkennbare sogenannte mehrkernige Riesenzellen und eine positive weitere Spezialfärbung (Ziehl-Neelsen) des Probenmaterials erhärteten den Verdacht auf das Vorliegen einer Tuberkulose (vgl. Abb. 2).

Granulom-Entzündung mit mehrkernigen Riesenzellen
Abb. 2: Mikroskopische Aufnahme der Granulom-Entzündung mit mehrkernigen Riesenzellen vom Fremdkörpertyp (oben) und negativer Ziehl-Neelsen-Färbung (unten; positive Stäbchenbakterien würden sich rot darstellen).

Was ist Tuberkulose?

Tuberkulose (TB) ist eine für Mensch und Tier gefährliche Krankheit, die durch Mykobakterien ausgelöst werden kann. Die Krankheitsbezeichnung Tuberkulose leitet sich von lateinischen Begriff tuberculum ab und bedeutet „kleine Geschwulst“. Umgangssprachliche Bezeichnungen sind „Schwindsucht“, „die Motten“, „Weiße Pest“ oder „Weißer Tod“. Das so genannte Granulom (aus dem Lateinischen: „Körnchen“) ist eine typische Entzündungsform der TB. Daher wird die Entzündung an veränderten Organen bei Rindern gelegentlich auch als „Perlsucht“ bezeichnet.

Obwohl TB in Deutschland seit langem kein Thema mehr zu sein scheint, handelt es sich um die weltweit häufigste, tödliche Infektionskrankheit. Menschen in Entwicklungsländern sowie Personen mit geschwächtem Immunsystem (HIV-Patienten) oder bestimmten erblichen Veranlagungen sind häufig betroffen. Das Mykobakterium M. tuberculosis verursacht beim Menschen die meisten Infektionen. Seltener ist auch M. bovis die Ursache menschlicher Krankheitsfälle. Letzteres wurde im vorliegenden Fall vom LHL nachgewiesen. Der Befund wurde anschließend durch das Friedrich-Loeffler-Institut bestätigt.

Wie erfolgt eine Infektion?

  • Die Mykobakterien sind sowohl in der Umwelt als auch im lebenden Organismus sehr widerstandsfähig. Die Ansteckung erfolgt meistens durch Tröpfcheninfektion von erkrankten Individuen. Von einer so genannten „offenen TB“ spricht man, wenn die Bakterien im Auswurf vorhanden sind. Da eine Übertragung von Tieren auf den Menschen möglich ist, gilt die TB als Zoonose.
  • Die Übertragung vom Menschen auf Tiere ist für den Artenschutz relevant. Beispiel: Damit sich die in Veterinärkliniken befindlichen Rinder nicht mit TB-Bakterien infizieren, müssen Studierende der Veterinärmedizin vor einem Kontakt mit den Tieren mittels einer Röntgen-Untersuchung nachweisen, dass sie nicht an TB erkrankt sind.
  • Rohmilch stellt eine mögliche Infektionsquelle dar. Ausreichend erhitzte Lebensmittel tierischer Herkunft sind jedoch kaum ein Risiko für Verbraucher.
  • Als relativ neuartiges - oder wiederentdecktes -  Desinfektionsmittel ist Essigsäure im Einsatz gegen die Mykobakterien geeignet.

Ergänzende Informationen

Die Krankheitsursache des geschossenen Rothirschs war eine Brustfellentzündung (Pleuritis) infolge einer Infektion des potentiellen TB-Auslösers M. bovis. Des Weiteren wurden unspezifische Bakterien (Strepto- Makrokokken und Coliforme), jedoch keine Pilze nachgewiesen. Letztgenannte ebenso wie Parasiten können gleichartige Entzündungen, also Granulome, wie TB auslösen. Die in Abb. 1 und Abb. 2 erkennbaren kristallinen, nadelförmigen Strukturen sind Läsionen sogenannter dystrophischer Verkalkung, die oft bei chronischen Entzündungen beobachtet werden können. Im vorliegendem Fall  sind weitergehende Untersuchungen (z.B. Infektionsquelle)sind noch in Bearbeitung.

Der Nachweis von M. bovis und M. caprae unterliegt beim Rind nach Tierseuchenrecht der Anzeigepflicht, bei anderen Tierarten der Meldepflicht. Grundsätzlich kommen TB-auslösende Mykobakterien meist bei Rotwild der Alpenregion, hier allerdings die Arten M. caprae (Fink et al., 2015) oder M. bovis beim Dachs aus Großbritannien (Cheeseman et al., 1989) vor. Über 1.000 Hirschartige wurden in Deutschland zwischen 2002 und 2006 auf Mykobakterien untersucht, jedoch ohne Nachweis von M. bovis (Moser et al., 2011), was den hier dargestellten Fall des Hirschs aus Hessen interessant macht. Eine durch diesen Erreger hervorgerufene und im Organismus gestreute TB (Miliartuberkulose) wurde 2015 in einem Rotwildkalb eines norddeutschen Tierparks beobachtet (eigene unveröffentlichte Daten). In dieser Region wurde M. bovis auch bei mehreren ausgewilderten Luchsen nachgewiesen, von denen einer ursprünglich aus einem hessischen Tierpark stammte (Völker et al., 2017).

Bei dem vorliegenden Befund handelt es sich nach bisherigen Erkenntnissen um einen Einzelfall.

Literatur

Cheeseman CL, Wilesmith JW, Stuart FA. Tuberculosis: the disease and its epidemiology in the badger, a review. Epidemiology & Infection, 103(1), 1989, 113–25.

Fink F, Schleicher C, Gonano M, Prodinger WM, Pacciarini M, Glawischnig W, Ryser-Degiorgis MP, Walzer C, Stalder GL, Lombardo D, Schobesberger H, Winter P, Büttner M. Red Deer as Maintenance Host for Bovine Tuberculosis, Alpine Region. Emerging Infectious Diseases, 21(3), 2015, 464–467.

Moser I, Schettler E, Hotzel H, Herzog S, Frölich K. Mycobacterial Infections in Free-living Cervids in Germany (2002–2006). Journal of Wildlife Diseases, 47(4), 2011, 999–1004.

Völker I, Böer M, Baumgärtner W, Wohlsein P. Diseases in captive and reintroduced Eurasian lynx (Lynx lynx) from northwestern Germany. Berliner und Münchener Tierärztliche Wochenschrift 130(1/2), 2017, 72–77.