Rattenbissfieber – eine unterschätzte Erkrankung

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Ratte

Haben Sie schon mal etwas vom Rattenbissfieber gehört? – Nein? Dann befinden Sie sich in guter Gesellschaft! Denn selbst Infektiologen ist diese Erkrankung häufig nicht geläufig und so wundert es erst einmal nicht weiter, dass die von Ratten auf den Menschen übertragbare Zoonose als unter-diagnostiziert und schlecht erforscht gilt und selbst international nur wenige Fälle bekannt werden. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen: Die weltweit auftretende Infektionskrankheit beginnt meist mit nur unspezifischen Symptomen, welche einer leichten Grippe ähneln und auf eine antibiotische Therapie hin in der Regel gut ansprechen.

Oft wird aber auch vergessen, dem Arzt von einem Kontakt zu einer Ratte zu berichten oder man hat diesen schlicht selbst gar nicht wahrgenommen. Denn es reicht bereits der indirekte Kontakt zu Ratten oder deren Ausscheidungen, und es bedarf nicht unbedingt eines Bisses, um die Krankheit zu übertragen. Hinzu kommt, dass es sich beim Rattenbissfieber-Erreger um Bakterien handelt, welche im Labor schwierig nachzuweisen sind, und es gibt international keine Meldepflicht für Rattenbissfieber. Daher weiß man über die wahre Vorkommenshäufigkeit des Erregers und der Erkrankung (Prävalenz und Inzidenz) nur sehr wenig. Allerdings heilt die Infektion ohne Antibiotika nicht einfach aus, sondern die Symptome verschlimmern sich oder kehren regelmäßig wieder. Hier sind neben dem Fieber ein an Masern erinnernder Hautausschlag, vor allem an den Handinnenflächen und Fußsohlen sowie eine ein oder mehrere Gelenke betreffende Entzündung (Arthritis) zu erwarten. Gefürchtet sind die schwerwiegenden Komplikationen (bspw. Gehirnabszesse, Herzklappenentzündungen oder Septikämien), welche lebensbedrohlich sein können und eine mit verunreinigten Lebensmitteln assoziierte Erkrankung, welche als Haverhill-Fieber bezeichnet wird und in der Vergangenheit oft größere Personengruppen betraf.

Eine Erkrankung – zwei (oder mehr?) Erreger

Schon vor fast einem Jahrhundert galt es als gesichert, dass der wichtigste Rattenbissfieber-Erreger das Bakterium Streptobacillus (S.) moniliformis ist. Allerdings gibt es historisch vor allem in Asien auch noch einen zweiten Erreger, Spirillum minus, der bei Rattenbissen auf den Menschen übertragen werden kann und sehr ähnliche Symptome auslöst wie oben beschrieben. Seit dem Landesbetrieb Hessisches Landeslabor (LHL) bereits 2013 der Nachweis eines Streptobacillus-Bakteriums aus einer Katze mit Lungenentzündung gelang, hat der LHL sich intensiv mit der Erregergruppe rund um das Rattenbissfieber beschäftigt.

Durch zahlreiche nationale und internationale Kooperationen mit anderen Arbeitsgruppen hat der LHL in den vergangenen Jahren fünf neue Bakterienarten aus und um die Gattung Streptobacillus beschrieben, von welchen einige ebenfalls bei Ratten vorkommen. Damit konnte das spärliche Wissen um diese Bakterien bereits deutlich erweitert werden. Vor wenigen Monaten wurde bei zwei japanischen Patienten der erste Beweis erbracht, dass zumindest eine der vom LHL neu beschriebenen Spezies tatsächlich ebenfalls Rattenbissfieber beim Menschen auslöst, sodass inzwischen mindestens drei unterschiedliche Bakterien dieselbe Erkrankung beim Menschen verursachen. Auch Tiere sind für Streptobazillen empfänglich, darunter Haus-, Heim- und Nutztiere sowie Exoten, wobei Ratten normaler Weise die „stillen“ Träger dieser Bakterien sind, ohne zu erkranken.

Abbildung 1 zeigt eine transmissionselektronenmikroskopische Aufnahme des Rattenbissfieber-Erregers Streptobacillus moniliformis DSM 12112T in 3000-facher Vergrößerung (Negativkontrast, Maßstab 1 µm).

Rattenbissfieber-Erreger Streptobacillus moniliformis
Abb. 1: Transmissionselektronenmikroskopische Aufnahme des Rattenbissfieber-Erregers Streptobacillus moniliformis DSM 12112T.

Stichwort Mensch – Tier – eine Gesundheit („One Health“)

Aus den Daten unserer Ganzgenom-Untersuchungen hat der LHL aufgrund der dargestellten Schwierigkeiten ein diagnostisches Werkzeug entwickelt, mit welchem das Labor den wichtigsten Rattenbissfieber-Erreger S. moniliformis auch unter schwierigen Bedingungen (kontaminierte Proben) zuverlässig nachweisen und darüber hinaus in Erregerstämme feiner typisieren kann. Die Brauchbarkeit dieses Werkzeugs konnte kürzlich zusammen mit einer französischen Klinik eindrucksvoll unter Beweis gestellt werden. So ließen sich sowohl bei dem bewusstlosen Patienten mit Rattenbissfieber-bedingtem Gehirnabszess als auch bei einer seiner Ratten in der Wohnung des Mannes dieselben S. moniliformis-Stämme nachweisen, wodurch die Infektionskette eindeutig belegt werden konnte. 

Ratten – eine unterschätzte Gefahr?

Es gibt zahlreiche Krankheiten, welche von Ratten auf den Menschen übertragen werden können. Zu den prominentesten gehören Pest, Leptospirose, Pocken- und Hantavirus-Infektionen. In Bezug auf das Rattenbissfieber weiß man, dass wilde Ratten, aber auch solche aus Zoohandlungen und zu Futterzwecken gehaltene, sich gegenseitig bei der Körperpflege den Erreger S. moniliformis übertragen, sodass von einer hohen Prävalenz (bis zu 100%) auszugehen ist. Glücklicher Weise folgt nicht bei jedem Biss oder Kontakt eine Infektion, aber man sollte sich dennoch der Gefahr bewusst sein und einen hygienischen Umgang wahren bzw. nach einem Biss den Arzt konsultieren und auf Rattenbissfieber hinweisen.

Besonders disponiert sind Personen, die regelmäßig direkten oder indirekten Kontakt mit Ratten haben wie bspw. Schädlingsbekämpfer, Kanalarbeiter, Zoohandlungspersonal, Tierärzte und deren Angestellte sowie Landwirte. Aufgrund der gestiegenen Popularität von Ratten als Heimtiere sind auch die Halter der Tiere und besonders oft Kinder betroffen. Der LHL ist eines der wenigen Labore weltweit, das über eine umfangreiche Diagnostik verfügt, um Rattenbissfieber oder dessen Erreger nachzuweisen. Das Landeslabor steht gern mit Rat und Tat bei veterinärmedizinischen und humanmedizinischen Verdachtsfällen zur Verfügung (fachlicher Ansprechpartner des Arbeitskreises Veterinärmedizinische Infektionsdiagnostik [AVID] innerhalb der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft [DVG]).

Stand: Februar 2018