Trichinellen-Fund bei einem Wildschwein aus dem Landkreis Gießen

Bei einem im Landkreis Gießen geschossenen Wildschwein wurde bei der Verfolgsuntersuchung im Landesbetrieb Hessisches Landeslabor ein Befall mit Trichinellen eindeutig bestätigt.

Wildschwein © prochym - Fotolia.com_.jpg

Wildschwein
Wildschwein

Was sind Trichinellen?

Trichinellen (häufig auch als Trichinen bezeichnet) sind winzige Fadenwürmer mit parasitischer Lebensweise. Säugetiere und Vögel dienen als Zwischen- bzw. Endwirte. Die 1,5-4 mm kleinen Fadenwürmer besiedeln im Larvenstadium die Muskulatur ihres Wirtes und können dort über einen sehr langen Zeitraum infektiös bleiben. In Deutschland wie in anderen europäischen Ländern ist Trichinella (T.) spiralis die wichtigste Erregerart. Weitere Arten des Krankheitserregers sind unter anderem T. pseudospiralis, T. nativa und T. britovi.

Infektionsgeschehen

Werden diese Larven nun durch Verzehr von einem anderen empfänglichen Tier oder dem Mensch aufgenommen, erfolgt im Dünndarm zunächst deren Freisetzung aus der Kapsel. Nach der Entwicklung zum ausgewachsenen Wurm im Darm wird von den weiblichen Trichinellen wieder eine hohe Anzahl von Larven freigesetzt. Über die Blutgefäße gelangen diese dann erneut in die Muskulatur, wobei gut durchblutet Körperregionen besonders betroffen sind. Eine Infektionsfähigkeit in dem neuen Wirt ist etwa nach 2-3 Wochen gegeben. Die etwa 1 mm großen Larven befinden sich- mit Ausnahme der Larven von T. pseudospiralis- spiralförmig aufgerollt in einer Kapsel, die nach 6-12 Wochen verkalkt.

Zoonose

Infektionen mit Trichinellen, die sogenannten Trichinellosen, kommen weltweit vor und gelten als mild bis tödlich verlaufende Zoonosen, d.h. vom Tier auf den Menschen übertragbare Infektionskrankheiten.

Der Mensch ist gegenüber den Trichinellen hoch empfänglich, wobei besonders Haus- und Wildschweine als Reservoire für eine menschliche Infektion in Frage kommen. In anderen Regionen der Welt sind in diesem Zusammenhang auch Bären und Robben als Reservoire zu nennen. Weitere Infektionsquellen, weil ebenfalls empfängliche Tierarten, stellen Nager, besonders Ratten, Hunde Katzen und Pferde sowie einige Wildtiere, wie Füchse und Marder, dar.

Krankheitssymptome

Die Infektion erfolgt durch Aufnahme Trichinellen-haltigen Fleisches, wobei abhängig von der Trichinellen-Art, dem Zustand der Immunabwehr des Individuums und der Anzahl aufgenommener Trichinellen-Larven - etwa 100-300 Larven sind notwendig - eine Erkrankung mit klinischen Symptomen auftritt. Nach oraler Aufnahme von rohem oder unzureichend erhitztem Fleisch kommt es zu einer Fortsetzung des parasitären Zyklus. Dabei rufen die im Darm befindlichen erwachsenen Trichinellen, wenn überhaupt, zunächst Übelkeit und Durchfall hervor (sogenannte enterale Phase). Wesentlich schwerwiegendere Krankheitsbilder entstehen durch den Larvenbefall der Muskulatur des Infizierten. Schüttelfrost, begleitet von hohem Fieber und ausgeprägte Muskelschmerzen mit Bewegungsstörungen, die auch die Augenmuskulatur und /oder die Schluckmuskulatur betreffen können, kennzeichnen die Phase der Larvenausbreitung im Körper.

Die gefährlichsten Manifestationen, die gegebenenfalls sogar den Tod der Betroffenen zur Folge haben können, sind der Befall der Herzmuskulatur mit einer begleitenden Herzmuskelentzündungen sowie Herzrhythmusstörungen, die bis zum finalen Kreislaufversagen führen können. Auch die Beteiligung des zentralen Nervensystems mit einer Entzündung des Gehirns und daraus resultierenden neurologischen Symptomen, wie Krampfanfällen und psychotischen Zustände sind in einigen Fällen menschlicher Erkrankungen infolge einer Trichinellen-Infektion beobachtet worden.

Jeder Fall einer Trichinellose beim Menschen ist nach Infektionsschutzgesetz meldepflichtig.

Diagnostik

Aktuell stehen verschiedene diagnostische Verfahren, die bei verdächtiger klinischer Symptomatik und entsprechendem Vorbericht ärztlicherseits in Anspruch genommen werden sollten, zur Verfügung.

Erste Hinweise gibt bereits das Differenzialblutbild, da bei mehr als 90 % der betroffenen Patienten bereits in der 1. Phase der Infektion, der s.g. enterale Phase, eine Vermehrung  bestimmter weißer Blutkörperchen in Form einer sogenannten „Eosinophilie“ auftritt.

Die weitere labordiagnostische Eingrenzung des Anfangsverdachts einer möglichen Trichinellen-Infektion erfolgt dann mittels eines Elisa- oder Immunoblot- Tests zum Nachweis spezifischer Antikörper.

In seltenen Fällen wird eine feingewebliche (histologische) Untersuchung von Muskelbiopsie-Proben erforderlich sein, um die Diagnostik der Trichinella-Infektion zweifelsfrei zu bestätigen. Durch Einsatz der Polymerasekettenreaktion (PCR) lässt sich dann meist auch die genaue Trichinellenart bestimmen.

Therapie

Therapiemaßnahmen gelten als effektiv, wobei sie möglichst frühzeitig eingeleitet werden sollten, um Spätschäden, wie z.B. irreversible Schäden an der Muskulatur, zu vermeiden. Zur Therapie betroffener Patienten eignen sich so genannte Wurmmittel (Anthelmintika) auf der Basis von Benzimidazolen (Mebendazol/Albendazol). Die Ausbildung von Resistenzen ist bisher nicht bekannt.

Prävention

Als wichtigste präventive Maßnahme zur Bekämpfung möglicher Trichinellen-Infektionen gilt nach wie vor die gesetzlich vorgeschriebene  Untersuchung der Lebensmittel liefernden Tiere. Sie wird im Rahmen der amtlichen Schlachttier-und Fleischuntersuchung in den Mitgliedsstaaten der EU durch die Veterinärbehörden durchgeführt und ist detailliert in der Durchführungsverordnung (EU) 2015-1375 beschrieben. Das Fleisch von Schweinen, Wildschweinen sowie anderen, gegebenenfalls als Trichinellen-Träger infrage kommenden Tierarten darf erst dann als Lebensmittel in den Verkehr gebracht werden, wenn diese Untersuchung eindeutig negativ verlaufen ist.

Als eine zusätzliche, sichere Möglichkeit der Prävention gegenüber einer Trichinellen-Infektion bietet sich die Wärmebehandlung der Lebensmittel vor dem Verzehr an. Kerntemperaturen des Fleisches von 65-70 °C über einen Zeitraum von 60 Sekunden töten die Trichinellen-Larven sicher ab. Risiken bestehen gegebenenfalls durch das Nichterreichen der erforderlichen Temperatur im Innern des Fleischstücks. Das Räuchern, Pökeln oder Trockenen sowie auch das Tieffrieren stellen keine sicheren Methoden zur Abtötung der Parasiten dar.

Prävalenz und Epidemiologie

Im Rahmen der auch in Deutschland obligatorischen Untersuchung werden jährlich mehr als 40 Millionen Hausschweine, 300.000 Wildschweine und 15.000 Pferde getestet. In Deutschland treten Trichinellen nur noch äußerst selten auf. Bei Haustieren wie Schweinen und Pferden werden diese seit vielen Jahren überhaupt nicht mehr gefunden. Auch bei Wildtieren sind derartige Befunde ein eher seltenes Ereignis. Die Nachweisrate bei Wildschweinen beträgt nur noch 0,01 %. Bei Füchsen wird diese mit 0,1 % und bei Marderhunden mit 1% angegeben. Daher wird die Trichinellose beim Menschen in Deutschland vorwiegend als eine Erkrankung angesehen, die entweder im Ausland erworben oder durch illegale Fleisch- und Fleischwarenimporte aus Drittländern hervorgerufen wird.

Aktueller Fall ist ein seltenes Ereignis

Im vorliegenden Falle wurde der Landesbetrieb Hessisches Landeslabor darüber in Kenntnis gesetzt, dass in der Trichinen- Untersuchungsstelle des Amtes für Verbraucherschutz und Veterinärwesen des Landkreises Gießen im Rahmen der amtlichen Schlachttier- und Fleischuntersuchung ein Trichinellen-verdächtiges Wildschwein identifiziert wurde. Das etwa 43 Kilogramm schwere und am 22.04.2017 in Grünberg-Harbach erlegte Tier wurde daraufhin in die oben genannte Untersuchungsstelle verbracht.

Sowohl in der ursprünglichen, als auch in erneut entnommenen Proben des betroffenen Wildschweins konnte die anfängliche Verdachtsdiagnose eindeutig bestätigt werden. Sämtliche Proben wurden auch an das Nationale Referenzlabor für Trichinellen am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zwecks Bestätigung und weiterer Typisierung übersandt. Dort wurde der Befund erneut bestätigt. Die Trichinella- Larven wurden mittels PCR als T. pseudopiralis identifiziert.

Die in diesem Fallbericht dokumentierte  Trichinella-Infektion eines Wildschweins stellt ein seltenes Ereignis dar. Entsprechende Trichinellen-Funde liegen in dieser Region mehr als drei Jahrzehnte zurück.

Lebende Trichinellen Larve nach künstlichem Verdau
Lebende Trichinellen Larve nach künstlichem Verdau
Trichinellen-Larve in der Muskulatur
Trichinellen-Larve in der Muskulatur
Trichinellen-Larven nach künstlichem Verdau
Trichinellen-Larven nach künstlichem Verdau