Wildschwein im Wald

Nachweis von Per- und Polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS) in Wildtieren aus Hessen

Perfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) werden bereits seit den 1950er Jahren in verschiedensten Industriezweigen, beispielsweise in der Textilindustrie zur Herstellung Wasser abweisender, atmungsaktiver Jacken und in der Papierindustrie zur Produktion von Schmutz, Fett und Wasser abweisendem Papier verwendet.

PFAS sind chemisch sehr stabil und biologisch kaum abbaubar und unterliegen der Bioakkumulation innerhalb von Nahrungsketten.

Im Rahmen eines Wildtier-Monitorings wurden im Hessischen Landeslabor (LHL) im Jahr 2021 insgesamt 162 Proben auf PFAS untersucht. Bei den eingesendeten Proben handelte es sich um Muskelfleisch und Leber unterschiedlicher Wildtierarten – Wildschwein, Reh und Hirsch – aus 17 hessischen Landkreisen.

PFAS in Muskelfleisch von Wildtieren

Die 85 eingesendeten Muskelfleischproben beinhalteten neben nicht genauer spezifiziertem Muskelfleisch auch Zungengewebe, Rücken und Gulasch. Die PFAS-Gehalte im Muskelfleisch der untersuchten Wildtiere verschiedener Spezies sind in Tabelle 1 dargestellt.

In 28 der 45 untersuchten Wildschwein-Muskelfleischproben wurden PFAS-Gehalte oberhalb der Bestimmungsgrenze (BG) bis 18,6 µg/kg (Summe Perfluoroctansäure (PFOA), Perfluoroctansulfonsäure (PFOS), Perfluorhexansulfonsäure (PFHxS) und Perfluornonansäure (PFNA)) nachgewiesen.

In den Muskelfleischproben von Rehen und Hirschen wurden keine PFAS-Gehalte oberhalb der BG festgestellt.

Tabelle 1: PFAS-Gehalte im Muskelfleisch verschiedener Wildtiere

PFAS

Wildschwein
n1= 45
[µg/kg]

Reh
n= 36
[µg/kg]

Hirsch
n= 4
[µg/kg]

Perfluorpentansäure (PFPeA)

<NWG2 – 1,5

<NWG

<NWG

Perfluorhexansäure (PFHxA)

<NWG

<NWG

<NWG

Perfluorheptansäure (PFHpA)

<NWG – 1,4

<NWG - <BG3

<NWG

Perfluoroctansäure (PFOA)

<NWG – 1,9

<NWG - <BG

<NWG

Perfluornonansäure (PFNA)

<NWG – 1,5

<NWG

<NWG

Perfluordecansäure (PFDA)

<NWG

<NWG

<NWG

Perfluordodecansäure (PFDoA)

<NWG - 1,6

<NWG

<NWG

Perfluorbutansulfonsäure (PFBS)

<NWG - <BG

<NWG

<NWG

Perfluorhexansulfonsäure (PFHxS)

<NWG - <BG

<NWG - <BG

<NWG

Perfluoroctansulfonsäure (PFOS)

<BG – 17,9

<NWG - <BG

<NWG

Summe (PFOA, PFOS, PFNA, PFHxS)

<BG – 18,6

<NWG - <BG

<NWG

1 n: Anzahl untersuchter Proben
2 NWG: Nachweisgrenze = 0,5 µg/kg
3 BG: Bestimmungsgrenze = 1,0 µg/kg

 

PFAS in Leberproben von Wildtieren

In den 49 untersuchten hessischen Wildschweinleberproben wurden PFAS mit Summen-Gehalten zwischen 105 µg/kg und 1.470 µg/kg nachgewiesen. Den größten Anteil zur PFAS-Summenbelastung leistete dabei in allen Wildschweinleberproben PFOS mit Gehalten zwischen 97,1 µg/kg und 1.438 µg/kg. Vier der untersuchten Wildschweinleberproben stammten von Tieren, die in Gatterhaltung lebten. Diese Proben wiesen PFAS-Summengehalte zwischen 116,6 µg/kg und 190 µg/kg auf und lagen somit alle vier unter den zehn Wildschweinleberproben mit geringster PFAS-Summenbelastung.

In 22 der 24 untersuchten Rehleberproben wurden PFAS-Summengehalte oberhalb der Bestimmungsgrenze bis 16,2 µg/kg nachgewiesen.

Auch in den Rehleberproben trug PFOS mit Gehalten bis 14,0 µg/kg mengenmäßig am stärksten zum PFAS-Summengehalt bei.

PFAS-Gehalte oberhalb der Bestimmungsgrenze konnten ebenfalls in allen vier untersuchten Hirschleberproben mit PFAS-Summengehalten zwischen 1,2 µg/kg und 5,1 µg/kg nachgewiesen werden. Neben PFAS wurde in drei der Hirschleberproben auch PFOA detektiert.

Die PFAS-Gehalte in den Leberproben der Wildtiere sind in Tabelle 2 zusammenfasst.

Tabelle 2: PFAS-Gehalte in Lebern verschiedener Wildtiere

PFAS

Wildschwein
n1=49
[µg/kg]

Reh
n=24
[µg/kg]

Hirsch
n= 4
[µg/kg]

Perfluorpentansäure (PFPeA)

<NWG2 – 5,5

<NWG – 4,4

<NWG - 1,2

Perfluorhexansäure (PFHxA)

<NWG

<NWG

<NWG

Perfluorheptansäure (PFHpA)

<NWG – 6,7

<NWG – 3,9

<NWG

Perfluoroctansäure (PFOA)

<NWG – 11,8

<NWG – 4,3

<NWG - 3,6

Perfluornonansäure (PFNA)

<NWG – 16,7

<NWG - <BG3

<NWG

Perfluordecansäure (PFDA)

<NWG – 15,7

<NWG – 1,8

<NWG

Perfluordodecansäure (PFDoA)

<NWG – 9,6

<NWG

<NWG

Perfluorbutansulfonsäure (PFBS)

<NWG – 15,5

<NWG – 7,8

< NWG

Perfluorhexansulfonsäure (PFHxS)

<NWG – 8,4

<NWG

<NWG

Perfluoroctansulfonsäure (PFOS)

97,1 – 1.438

<NWG - 14

<NWG – 1,5

Summe (PFOA, PFOS, PFNA, PFHxS)

105 – 1.470

<NWG – 16,2

1,2 – 5,1

1 n: Anzahl untersuchter Proben
2 NWG: Nachweisgrenze = 0,5 µg/kg
3 BG: Bestimmungsgrenze = 1,0 µg/kg

 

Risikoabschätzung für die Aufnahme von PFAS über Wildtier-Muskelfleisch und Wildtier-Lebern

Die humane PFAS-Belastung scheint in erster Linie aus der Aufnahme von Lebensmitteln, einschließlich Trinkwasser zu resultieren. PFAS neigen zur Bioakkumulation und reichern sich so insbesondere in aquatischen Organsimsen sowie in Innereien von Säugetieren an. Aufgrund von Biomagnifikationsprozessen reichern sich PFAS entlang von Nahrungsketten an.

Im Jahr 2020 hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (European Food Safety Authority, EFSA) eine neue wissenschaftliche Bewertung für die wichtigsten perfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS) vorgenommen, die sich im menschlichen Körper anreichern. Für die Perfluoroctansäure (PFOA), die Perfluornonansäure (PFNA), die Perfluorhexansulfonsäure (PFHxS) und die Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) wurde eine gruppenbezogene tolerierbare wöchentliche Aufnahmemenge (tolerable weekly Intake, TWI) von 4,4 ng/kg Körpergewicht (KG) und Woche  abgeleitet. Für die Bewertung von PFAS wurden diese vier Substanzen herangezogen, da sie am meisten zu den im menschlichen Serum beobachteten Gehalten beitragen und ähnliche toxiko-kinetische und toxikologische Eigenschaften aufweisen.

Mit der Festlegung des gruppenbezogenen TWI von 4,4 ng/kg KG und Woche, wurde die tolerierbare Aufnahmemenge im Jahr 2020 erneut deutlich abgesenkt.

In Abbildung 1 sind die Änderungen bzw. die Anpassung der tolerierbaren Aufnahmemengen durch die EFSA zwischen 2008 und 2020 dargestellt.

Entwicklung der durch die EFSA abgeleiteten tolerierbaren Aufnahmemenge von PFAS im zeitlichen Verlauf von 2008 bis 2020, die insgesamt zu einer Absenkung der tolerierbaren Aufnahmemenge um den Faktor  größer als 2500 geführt hat
Abbildung 1 Entwicklung der tolerierbaren Aufnahmemenge von PFAS seit 2008

Auf der Ebene der EU-Kommission wird zurzeit die Festlegung von Grenzwerten für PFAS für Wildschweinfleisch und Wildschweinlebern diskutiert, derzeit existieren jedoch noch keine rechtlich verbindlichen Höchstgehalte. Daher ist eine Beurteilung aktuell lediglich auf Basis der durch die EFSA vorgeschlagenen tolerierbaren Aufnahmemengen (unter Berücksichtigung der Durchschnittsverzehrsmengen) möglich.

Bewertung der PFAS-Gehalte in Wildtier-Muskelfleisch

Um die Ausschöpfung des TWI durch den Verzehr von Wildfleisch abzuleiten, sind die Verzehrdaten mit einzubeziehen. Für die Expositionsabschätzung wurden die Daten aus den Expositionsszenarien für den Wildfleischverzehr des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) herangezogen. In Anlehnung an die Verzehrdatenauswertung der Nationalen Verzehrstudie II (NVS II) und den Daten von Haldimann et al. (2002) wurde bei Erwachsenen von einem Verzehr von 1 bis 10 Portionen und bei Jägern von 91 Portionen à 200 g Wildfleisch pro Jahr ausgegangen (BfR, 2011). Für die Expositionsschätzung wurde im Rahmen eines konservativen Ansatzes davon ausgegangen, dass der gesamte Wildfleischverzehr über das Fleisch der jeweils untersuchten Spezies erfolgt.

Der regelmäßige Verzehr von Wildschweinfleisch mit einem PFAS-Summengehalt zwischen 1,2 µg/kg und 18,6 μg/kg führt nur bei der Gruppe der Jäger mit 6,0 ng/kg KG und Woche bis 92,8 ng/kg KG und Woche zu einer deutlichen Überschreitung des TWI von 4,4 ng/kg KG und Woche. Unter der Annahme, dass der gesamte Wildfleischverzehr über Wildschweinfleisch erfolgen würde, welche aber ein „worst-case-Szenario“ darstellt, kann hierdurch ein gesundheitliches Risiko für die Gruppe der Jäger nicht ausgeschlossen werden.

Für die Gruppen der Kinder führt die geschätzte Exposition nicht zu einer Überschreitung des TWI.

Bei Frauen würde lediglich der Verzehr der beiden maximal belasteten Proben Wildschweinmuskelfleisch (für Vielverzehrer/worst-case-Szenario) zu einer Ausschöpfung des TWI um 112 Prozent bis 116 Prozent führen.

Bei Männern führt der Verzehr der fünf höchstbelasteten Proben Wildschweinmuskelfleisch (für Vielverzehrer/worst-case-Szenario) zu einer Ausschöpfung des TWI um 101 Prozent bis 232 Prozent.

In den untersuchten Muskelfleischproben der Rehe und Hirsche wurden keine PFAS-Gehalte festgestellt. Es gibt somit keine Anhaltspunkte für ein gesundheitliches Risiko durch perfluorierte Alkylsubstanzen infolge des Fleischverzehrs von Rehen und Hirschen.

Bewertung der PFAS-Gehalte in Wildtier-Lebern

Für Lebensmittel, für die keine Verzehrsmengen vorliegen, hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mithilfe einer telefonischen Befragung zu selten verzehrten Lebensmitteln und anhand von Annahmen den durchschnittlichen pro Kopf Verzehr abgeschätzt. Für Wildtier-Lebern liegt der durchschnittliche Verzehr gemäß dieser Schätzung bei 0,024 g/kg KG und Tag. Dies entspricht einer wöchentlichen Aufnahme von 0,168 g/kg KG.

Legt man die durch das BfR abgeschätzten Verzehrsmengen für Lebern von Großwildarten zugrunde, so wird die tolerierbare wöchentliche Aufnahmemenge durch den Verzehr aller untersuchten Wildleberproben nur bei Wildschweinen deutlich überschritten.

Durch Verzehr von 0,168 g der untersuchten Wildschweinleber pro Kilogramm Körpergewicht und Woche (entsprechend der Abschätzung des BfR) würde eine Person zwischen 17,6 ng PFAS/kg KG und Woche und 247 ng PFAS/kg und Woche aufnehmen und somit den TWI von 4,4 ng/kg KG und Woche deutlich überschreiten. Daher kann ein gesundheitliches Risiko bei einem häufigen Verzehr der untersuchten Wildschweinleberproben nicht ausgeschlossen werden.

Für Reh- und Hirschlebern hingegen wird die tolerierbare wöchentliche Aufnahmemenge unter Berücksichtigung der durch das BfR abgeschätzten Verzehrsmengen durch den Verzehr der untersuchten Leberproben nicht überschritten.

Fazit

In den untersuchten Wildschweinmuskelfleisch- und Wildschweinleberproben wurden PFAS-Gehalte in der gleichen Größenordnung wie in einem vorangehenden Wildschwein-Monitoring in Hessen im Jahr 2009 festgestellt. Auch Berichte anderer Bundesländer (Bayern, Baden-Württemberg) lassen auf vergleichbare PFAS Gehalte in Wildschweinen und somit auf ein ubiquitäres Vorkommen von PFAS in Wildschweinen schließen. Dadurch, dass sich die PFAS-Gehalte in Wildschweinen seit 2009 auf einem vergleichbaren Niveau bewegen, somit die Belastung mit PFAS über die Jahre nicht angestiegen ist, führte letztendlich die wissenschaftliche Neubewertung durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit zu der deutlichen Absenkung der tolerierbaren Aufnahmemenge (TWI), zuletzt im September 2020 und somit zu einer wesentlich stärkeren Ausschöpfung des TWI durch den Verzehr von Wildschweinleber und Wildschweinmuskelfleisch als noch im Jahr 2009.

Unter den 49 untersuchten Wildschweinleberproben waren vier Proben, die von Wildschweinen aus Gatterhaltung stammten. Diese vier Proben wiesen PFAS-Summengehalte zwischen 116,6 µg/kg und 190 µg/kg und somit im unteren Belastungsbereich aller untersuchten Wildschweinlebern auf. Die vergleichsweise geringen Gehalte weisen darauf hin, dass der eingeschränkte Bewegungsradius der Gatterhaltung und das eingeschränkte Futterangebot (gezielte Fütterung) zu einer geringen Belastung im Vergleich zu freilebenden Tieren führen.

Aufgrund der aktuellen Untersuchungsergebnisse wird von häufigem Verzehr von Wildscheinleber grundsätzlich abgeraten.

Die PFAS-Gehalte in den Lebern von Rehen und Hirschen liegen um ein Vielfaches unterhalb der Gehalte, die in Wildschweinlebern festgestellt wurden, was möglicherweise auf die unterschiedliche Ernährungsweise von Rehen und Hirschen (herbivor) im Vergleich zu Wildschweinen (omnivor) zurück zu führen ist.

Im Muskelfleisch von Rehen und Hirschen wurden keine PFAS-Gehalte festgestellt. Es gibt daher keine Anhaltspunkte für ein gesundheitliches Risiko durch PFAS infolge des Verzehrs der untersuchten Reh- und Hirsch-Muskelfleischproben.

Stand: Februar 2022